Wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe, dann das: Wir können unser Leben nicht kontrollieren, aber wir können lernen, flexibel darauf zu reagieren und mit dem Strom des Lebens zu schwimmen. Wir begegnen jeden Tag vielen verschiedenen Menschen, z. B. im Seminarraum, auf der Yogamatte oder mitten im Familienalltag. Häufig funktionieren sie nur noch, obwohl sie längst am Limit sind, und viele Menschen glauben, sie müssten stark sein, perfekt sein oder still sein.
Vielleicht auch deshalb habe ich angefangen, mir aufzuschreiben, was mich im Alltag trägt. Welche Gedanken mir helfen, wieder herunterzufahren, und wofür ich im Leben dankbar bin. Häufig setze ich mich auch damit auseinander, wer ich eigentlich sein und welche Werte ich auch meinen Kindern mitgeben möchte.
Daraus ist dieses Manifest entstanden. Zehn Gedanken, die mich begleiten und vielleicht auch dich inspirieren können.
1. Du stehst weniger im Mittelpunkt, als du glaubst
In meinen Kursen und Seminaren ist mir bewusst, dass ich von meinen Teilnehmer*innen beobachtet und bewertet werde. Ich stehe ja auch meist den ganzen Tag vorn und führe sie durch das Seminar und gebe viele Ideen und Impulse mit rein. Doch auch abseits dieses „Rampenlichts“ kenne ich das Gefühl, ständig beobachtet zu werden, denn bei jedem Blogartikel, jedem Insta-Post, jedem WhatsApp-Status zeige ich mich auch der Öffentlichkeit. Da kaue ich dann doch schon auf der ein oder anderen Formulierung herum, bis sie für mich perfekt ist. Jedoch muss ich mir auch immer wieder bewusst machen, dass die meisten Menschen vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Dann wird alles leichter. Der Druck lässt nach und ich kann mehr so sein, wie ich mich wohlfühle und welche Stimmung gerade herrscht. Gerade in dörflichen Strukturen wirkt es manchmal so, als würde jeder Schritt auf dem Silbertablett serviert. Es wird geredet und getratscht, und als Kind habe ich gesagt bekommen, dass ich mich zu benehmen habe, damit über meine Familie nicht schlecht gesprochen wird.
Dieser Gedanke hat in den letzten Jahren viel in mir verändert: Dein Leben ist keine Generalprobe. Du darfst es so gestalten, wie es für dich stimmig ist, und musst es nicht allen Menschen rechtmachen.
2. Stress zeigt sich individuell
Stress zeigt sich bei jedem anders und das ist auch gut so. Die „Klassiker“ wie Verspannungen, Rückenschmerzen, Magen- oder Darmprobleme und Bluthochdruck kennt jeder. Doch es gibt auch weniger offensichtliche wie Hautreaktionen, Unverträglichkeiten, Probleme mit den Augen oder starke emotionale Schwankungen wie Wut, Traurigkeit oder Gleichgültigkeit. Mir hilft dieses Wissen in Konflikten, denn ich frage mich, welche Gefühle und Erinnerungen ich bei meinem Gegenüber gerade anstoße. Ist die Wut vielleicht nur ein Ventil für Überforderung oder Angst?
In meinen Seminaren sprechen wir viel darüber, sammeln und ordnen Symptome und tauschen Erfahrungen aus. Es wird deutlich, dass jede*r eine andere Geschichte mitbringt und sich Reaktionen auf das Stressniveau anders zeigen. Damit es für die Teilnehmer*innen greifbarer wird, visualisiere ich die körperlichen Symptome in einem kleinen Schaubild und jeder soll dort einen roten Punkt hinkleben, wo er Symptome durch Stress zeigt. Dieses Bild sieht je nach Gruppe immer unterschiedlich aus und zeigt mir als Dozentin, dass ich viele verschiedene Individuen in den Seminaren habe, die alle höchst unterschiedlich sind.
3. Was sich hinter dem Symptom versteckt
Viele Stresssymptome aus meinen Kursen kenne ich auch aus meinem eigenen Leben: Verspannungen, Zähneknirschen, Gedankenkarussell, Haarausfall, Gereiztheit, Tränen, Unruhe, Hautausschlag. Mir ist wichtig, dass Teilnehmer*innen verstehen, dass, bevor ich nur das Symptom bekämpfe, ich einen Blick auf meine aktuelle Lebenssituation werfen sollte. Eine Tablette kann kurzfristig helfen, doch sie löst nicht die eigentliche Ursache der Symptome.
Wenn Menschen ihre eigenen Stressmuster erkennen, passiert etwas Entscheidendes: Sie merken, dass sie nicht ausgeliefert sind, sondern selbst wirksam werden können. Ich gebe selten fertige Lösungen vor, sondern begleite mit Fragen und Impulsen, damit jeder seinen eigenen Weg findet. Bei mir selbst merke ich recht schnell, wenn ich „einen Gang herunterschalten“ muss, und plane mir dann bewusst Zeit zur Entspannung ein. Besonders eindrücklich ist für viele der Stresskreislauf und der Blick auf stressverstärkende Gedanken, denn da wird oft klar, wie viel Stress wir uns selbst machen, weil alte Glaubenssätze im Hintergrund mitlaufen.
4. Für den Körper ist jeder Stress gleich
Unser Körper unterscheidet nicht zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Stress. Biologisch läuft immer derselbe Kreislauf ab, und dabei ist es egal, ob ich ein Seminar gebe, einen vollen Bürotag habe oder im Urlaub in einer unbekannten Umgebung ankomme. Das merke ich auch immer wieder bei mir, wenn neue Eindrücke, unbekannte Menschen oder Verantwortung mein Nervensystem in Alarmbereitschaft versetzen.
In meinen Seminaren erkläre ich den Stresskreislauf und die Auswirkungen von chronischem Stress mit einem Schaubild, das einen typischen Arbeitstag zeigt: Stressspitzen, kaum Pausen, wenig wirkliche Erholung für unser Nervensystem. Für viele ist es eine Erleichterung, zu verstehen, dass schon kleine Unterbrechungen wie ein, zwei, drei Atemzüge, ein kurzer Spaziergang, ein bewusster Moment mit einer Tasse Kaffee oder Tee einen Unterschied machen. Ich arbeite viel mit Selbsterfahrung und leite Atemübungen und Bodyscans an, oder fördere den Austausch in der Gruppe.
In meinem eigenen Alltag plane ich Erholung bewusst ein und spreche offen mit meiner Familie darüber, denn auch ich brauche Pausen, um meine Akkus wieder aufzuladen. Das kann frische Luft, Bewegung, und manchmal einfach die Frage sein: „Ist das, worüber ich mich gerade aufrege, in einem Jahr noch wichtig?“

5. Stress entsteht im Kopf – nicht in der Situation
Oft ist es nicht die Situation selbst, die uns stresst, sondern das, was wir hineininterpretieren. Ein neutraler Satz kann durch Erfahrungen und Erinnerungen plötzlich sehr bedrohlich wirken. Wir sehen die Welt durch unsere eigene Brille und somit hat jeder Mensch eine eigene Realität.
In stressigen Momenten versuche ich, kurz innezuhalten, bevor ich reagiere. Je nach innerem Stresspegel gelingt mir das mal besser und mal schlechter. In meinen Seminaren nutze ich Wahrnehmungsübungen oder den Austausch über Lebensgeschichten, um zu zeigen, dass es einen Unterschied macht, aus welchem inneren Film heraus wir eine Situation betrachten.
Ein typisches Beispiel aus meinem Alltag: Wenn Besuch kommt, will ich, dass alles perfekt ist. Die Wohnung ist aufgeräumt und geputzt, das Essen ist nichts Alltägliches, und natürlich sorge ich auch für die passende Musik. Der Kopf baut einen enormen Druck auf, der mit dem eigentlichen Treffen oft wenig zu tun hat. Was sich dahinter verbirgt? Wahrscheinlich meine zwei größten Stressverstärker: Perfektionismus und der Wunsch, gemocht zu werden!
Wenn Menschen verstehen, dass ihre Bewertung den Stress verstärkt, entsteht Freiraum. Yoga und Entspannung helfen dabei, denn sie bringen uns zurück in den Körper, zu unserer inneren Stimme, und lassen uns wieder spüren. Die Yogaphilosophie ist voller Zitate und Weisheiten, die auch in unserer modernen Welt Halt geben können. Ich arbeite viel mit meinen eigenen Mustern und nutze mein Achtsamkeitstagebuch, um sie nach und nach zu entkräften.
6. Deine Werte sind dein Kompass
Werte sind für mich wie ein innerer Kompass. In meinem Alltag und in meiner Arbeit leiten mich vor allem Authentizität, Humor und Liebe. Ich habe für mein Seminar einen eigenen Wertetest entwickelt, mit dem die Teilnehmer*innen ihre 3 wichtigsten Werte herausfinden können. Gerade bei chronischem Stress lohnt es sich zu hinterfragen, ob das Leben im Einklang mit den eigenen Werten steht, oder ob ich sie nicht beachte. Wenn jemand seine Werte kennt, bekommt das Leben eine klarere Richtung, wie einen inneren Kompass. Entscheidungen werden einfacher und Grenzen können im Einklang mit der inneren Welt gezogen werden.
In meinen Seminaren verknüpfe ich das Thema Werte gerne mit dem achtgliedrigen Pfad nach Patanjali, denn dort geht es ebenfalls um Wahrhaftigkeit, Haltung und Umgang mit sich und anderen. Authentizität begleitet mich schon lange, auch wenn ich früher oft gegen diesen Wert gelebt habe. Heute versuche ich, mich nicht mehr zu verstellen und zu zeigen, wer ich wirklich bin. Andere Werte, wie Nachhaltigkeit, haben sich im Lauf der Jahre verschoben und treten beruflich etwas in den Hintergrund.
7. Veränderung ist normal – Widerstand ist optional
Veränderung gehört zum Leben, und das sage ich nicht nur so. Meine Kündigung des sicheren Bürojobs und der Schritt in die Selbstständigkeit waren ein großer Einschnitt und ein riesen Schritt raus aus meiner Komfortzone. Vielen Menschen fällt vor allem das Loslassen schwer, denn sie haben das Gefühl, etwas zu verlieren, anstatt zu sehen, dass sie dadurch die Hände freibekommen für Neues, das besser zu ihnen passt.
In meinen Seminaren nutze ich das Bild vom „Zug des Lebens“. Manche Menschen steigen ganz früh ein und begleiten uns lange, andere nur für ein paar Stationen. Wenn wir akzeptieren, dass Beziehungen, Jobs und Lebensphasen nicht für immer sind, wird Veränderung weniger bedrohlich. Diese Veränderungen haben wir nicht nur in Beziehungen, sondern auch in ganz banalen Dingen wie beim Aussortieren des Kleiderschranks oder der Entscheidung, in welchen Urlaub wir fahren. Denn jede Entscheidung für etwas ist eine gegen etwas anderes.
Ich habe gelernt: Wenn etwas nicht mehr in mein Leben passt, darf es gehen, und ich renne niemandem mehr hinterher. Diese kleinen Veränderungen im Alltag beginnen oft damit, ehrlich hinzuschauen: Welche Menschen tun mir gut? Welche Situationen rauben mir Energie? Und was halte ich nur aus Pflichtgefühl fest (z. B. an der hässlichen Vase von Tante Gerda), obwohl es mir längst nicht mehr gefällt?
8. Höhen und Tiefen gehören dazu
Balance bedeutet für mich Ausgewogenheit, und das in vielen Bereichen in meinem Leben: in Beziehungen, im Beruf, im Alltag, beim Essen, in der Freizeit. Ich versuche, früh zu bemerken, wenn ich in eine ungesunde Schieflage gerate, und versuche bewusst gegenzusteuern.
Zwei tiefe Täler in meinem Leben haben mich stark geprägt: Panikattacken im Büro und eine postnatale Depression nach der Geburt meines ersten Kindes. Ich habe damals verzweifelt versucht, die Fassade aufrechtzuerhalten, und genau das hat mir gezeigt, dass ich mich mit meiner inneren Welt auseinandersetzen muss und Tiefen auch zugeben darf. Ich muss nicht stark sein und mich alleine durchbeißen (was ich übrigens wortwörtlich tue). Getragen in dieser schweren Zeit haben mich mein Mann, meine Familie und der Freiraum, der mir ermöglicht wurde. Mein Mann ist Ruhepol und Sparringspartner und meine Kinder erinnern mich täglich an Leichtigkeit und Neugier. Durch meine Kurse bin ich unterwegs und kann so vom Familienalltag auch mal abschalten. Dort erkläre ich Balance dann gerne über Yogaübungen wie den Baum oder über das Thema chronischer Stress.
Mir selbst helfen im Alltag Rückzug, Lesen, Me-Time, ehrliche Gespräche und manchmal auch einfach Tränen und eine feste Umarmung. Durch Täler gehe ich mittlerweile viel entspannter, denn ich weiß, dass auch wieder Höhen folgen und ich auf Unterstützung zählen kann.

9. Yoga ist kein Sport – es ist eine Haltung
Yoga ist für mich weit mehr als körperliche Übungen. Es ist eine Verbindung zu mir selbst über die Atmung, Stille und die Art, wie ich meinen Alltag lebe. Seit ich intensiver mit Yoga arbeite, bin ich ruhiger und gelassener geworden und Kritik wirft mich nicht mehr so leicht aus der Bahn. Ich frage mich eher: Was kann ich aus dieser Situation mitnehmen?
In meinen Kursen lasse ich die Teilnehmer*innen erfahren, dass Yoga keine reine Sportart ist. Wir meditieren, atmen, tauschen uns aus und überlegen gemeinsam, wie yogische Prinzipien in ein modernes Leben passen. Viele wichtige Entscheidungen habe ich mithilfe des Yoga klarer getroffen, z. B. meine Selbstständigkeit, die Gestaltung meiner Seminare, die Frage, womit ich meine Zeit verbringen möchte. Dabei versuche ich auch immer Missverständnisse aufzuklären, die mir begegnen. Für mich bedeutet Yoga, alte Gedanken aus den Schriften so zu übersetzen, dass sie heute anwendbar sind. Auch mitten im Familienalltag, zwischen Spülmaschine, E-Mails und der Yogamatte.
10. Klarheit und Unterstützung erleichtern das Leben
Klarheit in der Kommunikation hat mein Leben deutlich leichter gemacht. Statt mich in Interpretationen zu verheddern, frage ich heute direkter nach und spreche an, wenn mich etwas stört oder verletzt. Das ist nicht immer einfach, vor allem, wenn ich mich angreifbar fühle. Es verhindert jedoch, dass Konflikte im Stillen gären und am Ende keiner mehr weiß, warum man eigentlich sauer ist. Gleichzeitig lobe ich bewusster und sage Menschen öfter, was ich an ihnen schätze.
Unterstützung anzunehmen, war für mich ein Lernprozess. Ohne meine Familie wäre vieles nicht möglich, denn gerade wenn ich als Dozentin unterwegs bin und jemand die Kinder abholt, betreut oder den Rest meiner Familie einfach mal „bemuttert“, bin ich sehr froh, dass wir dieses soziale Netz haben. In meinen Seminaren geht es beim Thema Kommunikation oft darum, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und auszusprechen: Was brauche ich? Was wünsche ich mir? Was trägt der andere dazu bei? Und natürlich auch: Welche Unterstützung benötige ich gerade?
In meiner Beziehung erlebe ich täglich, wie befreiend Offenheit sein kann. Mein Mann und ich sprechen nicht nur über To-dos und Fahrdienste, sondern auch über das, was in uns vorgeht und was wir uns wünschen. Dieses gegenseitige Vertrauen ist für mich ein großes Geschenk.
Was du aus diesem Manifest für dich mitnehmen kannst
Jedes dieser zehn Kapitel ist eine Erinnerung: Du hast mehr Einfluss auf dein Leben, als du manchmal glaubst, und du darfst loslassen, was dir nicht mehr dient. Erschaffe dir Räume, die dich stärken, und du darfst dich zeigen, so wie du bist: echt, verletzlich, mutig.
Wenn nur ein Gedanke aus meinem Manifest dir hilft, ruhiger zu werden oder klarer zu sehen, dann hat es seinen Zweck erfüllt.
Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, mit mir durch meine Sichtweisen zu streifen, und lass mir gerne einen deiner Gedanken in den Kommentaren da.



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